Freiheit oder Uniform

masterpiece edition - Geschrieben am 30.12.2016

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Wieviel Individuum steckt in den Rollen die wir mehr oder wenig freiwillig einnehmen?


Soldaten, Stewardessen, Jugendliche – alle haben ihre Codes und Uniformen.

Nicht nur Armeen nutzen die Autorität von Uniformen, deren Zweck es ist, nach außen Zugehörigkeit zu vermitteln und nach innen Korpsgeist. Als sich in den Neunzigerjahren die Zahl der Zwischenfälle mit gewalttätigen Passagieren im internationalen Flugverkehr verdreifachte, versahen viele Fluggesellschaften die Uniformen ihrer Stewardessen mit goldenen Ärmelstreifen. Denn militärische Uniformelemente haben sich als hilfreich dabei erwiesen, Macht gegenüber potenziellen Unruhestiftern zu demonstrieren. Aus dem gleichen Grund sind Piloten bis heute zum Tragen einer Mütze verpflichtet. Wer den Hut aufhat, sagt, wo es langgeht.

Erste Formen der Uniform finden wir in bereits in den römischen Legionen. Um die Heerschar auszustatten, war es ökonomisch sinnvoll einheitliche Kleidung zu verwenden. Mit dem Ende des Römischen Reiches geriet auch die Uniform eine Zeit lang in Vergessenheit. Als unsere Vorfahren den beängstigenden Versuch unternommen haben, ein einheitliches Nationalkostüm durchzusetzen, herrschte in der preußischen Bevölkerung eine tiefe Unzufriedenheit. Die Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig und die daraus resultierende Vormachtstellung des napoleonischen Frankreichs führte erst zu einer Identitätskrise und danach zu einem erstarkten deutschen Nationalbewusstsein. In der Folge sollte sowohl die Sprache von französischen Einflüssen befreit werden, als auch die Erscheinung selbst insgesamt „deutsch“ werden. Ein Jahr später war mit den Resultaten des Wiener Kongresses das Unterfangen beendet.


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Das Diktat der Uniform

Es wundert nicht, dass die Diktatur in Nordkorea Individualität und Selbstausdruck durch das Diktat der Uniform eindämmt und dies insbesondere beim Nationalfeiertag Arirang inszeniert. Das Festival ist eine jährliche Feier zum Geburtstag Kim Il Sungs und benannt nach dem beliebtesten koreanischen Volkslied. Es dauert jeweils zwei Monate und beginnt mit einer Eröffnungsfeier im Rŭngnado-1.-Mai-Stadion in Pjöngjang. Der französische Fotograf Philippe Chancel hat in seinem Buch „Nordkorea“ surreal anmutende Szenen wie diese festgehalten, um die Seele eines Landes in verstörend irritierenden Bildern einzufangen. Kein anderes Regime – weder das stalinistische Russland noch Nazi-Deutschland oder Maos China – hat je ein Umfeld geschaffen, das so voller allgegenwärtiger Propaganda ist.  Philippe Chancels Fotos zeigen, wie das Politische zu einer allumfassenden Ästhetik verklärt wurde: die totalitäre Vision eines totalitären Regimes. Er ist ein investigativer Fotojournalist, der seit über 20 Jahren auf dem komplexen Gebiet von Kunst, Dokumentation und Journalismus arbeitet. Was kann uns Fotografie heute noch von der Welt erzählen? Kann sie noch ihre personifizierte Macht entfalten, wenn es darum geht, Identitäten zu formen, um die unbekannten Seiten unserer gegenwärtigen Kultur offenzulegen? Mit Enthusiasmus stellt sich Chancel täglich den Herausforderungen einer gewaltigen Bilderflut. Ob vor dem Hintergrund eines omnipräsenten, autoritären Regimes wie dem in Nordkorea, des überbordenden Kapitalismus von Dubai oder von Unglücksszenarien, die zum Medienhype werden: Philippe Chancel präsentiert all dies in detailreichen Bildern, in denen man stilistische Effekte oder Inszenierungen vergeblich sucht. Er bleibt bei der Realität und verweigert sich jeglicher Art von Exorzismus oder Sensationslust. Seine Werke sind weltweit zu sehen und wurden auch vom Centre Pompidou angekauft.


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Ich bin.

Einen anderen Blick auf das Thema Uniform und Selbstdefinition findet man beim holländischen Fotografen Rob Hornstra. Er kombiniert in seiner Arbeit das Beste dessen, was die dokumentarische Erzählform zu bieten hat, mit zeitgenössischer Porträtfotografie: Auch nach 65 Jahren ist für Veteranin Anna Savoshkina der Zweite Weltkrieg unvergessen. Mehr als 26 Millionen sowjetische Bürger verloren ihr Leben. Andererseits gab es den Überlebenden einen größeren politischen Einfluss auf das Sowjetimperium und eine respektable
Anzahl von Orden auf die Brust, die sie stolz bei offiziellen Anlässen präsentieren. Um Geschichte und Tradition besser verstehen zu können, kombiniert er Portraits, Stillleben und Architektur und schafft damit eine sensible, zeitgenössische Sozialdokumentation. – Zu den weiteren Arbeiten  seines preisgekrönten Sochi-Projekts.



© 2016 Philippe Chancel / ©2016 Rob Hornstra